Dorothee Sargon "Ein Wochenende mit dem Smart"

Ein Wochenende mit dem Smart

 

In den vergangenen Monaten stolperte ich immer wieder über Berichte über den Smart. In meinem Leben fuhr ich schon viele Autotypen. Ob groß oder klein, mit Schaltung, Automatik. Egal. Schnell kam ich mit dem jeweiligen Fahrzeug zurecht. Aber nun musste es absolut ein Smart sein. Ich wollte und musste ihn unbedingt kennenlernen. 

Seit meiner Pensionierung lebe ich überwiegend in Spanien, fliege jedoch  mehrfach im Jahr nach Deutschland. Bei einem dieser Flüge via Frankfurt buchte ich ohne zu Zögern den Smart gleich dazu. Im Internet wurde er für fünf Euro pro Tag angepriesen. Bei der Bestellung sagte man mir aber, dass er für diesen Preis ausgebucht sei. Um diesen Angebotspreis erhalten zu können, müsste man mindestens sechs Monate im Voraus buchen. (Wie kann man im Voraus buchen, wenn man an Flugzeiten und Tickets kurzfristig gebunden ist?)

Ich war so heiß auf dieses Gefährt, ich musste das Auto unbedingt haben. Also buchte ich zum Normalpreis von 75 Euro für drei Tage. Am Frankfurter Flughafen erhielt ich nach Erledigung des Papierkrams relativ schnell den Schlüssel und begab mich in die Tiefgarage zum Platz 121. Dort stand der Kleine und ich meinte, er würde mich schon von weitem anlächeln. Ich schloss die Tür auf, öffnete die Heckklappe, um meinen Koffer zu verstauen.

Hach, was begeisterte mich diese Technik. Mit einem kleinen Stoß öffnete sich das Liftfenster. Perfekt, falls man nur Kleinigkeiten verstauen musste. Für die größeren, sperrigen Dinge, wie zum Beispiel meinen Koffer, öffnete ich die untere Heckklappe. So entstand eine ziemlich große, aber niedrige Ladefläche. Mein Dank gilt den Entwicklern dieser Klappe. Rückenschonend konnte ich so meinen Koffer bequem verstauen. Voller Erwartung setzte ich mich in den Flitzer hinein und war angenehm überrascht.

»Wow», dachte ich, »ist der bequem.» Von innen betrachtet wirkte er größer als er von außen aussah. Und das Sitzgefühl? Ich war begeistert. Aber wo befand sich das Zündschloss? Jedenfalls nicht an der Lenksäule. Als alte Häsin fand ich es schnell. Es lag in der Nähe des Schaltknüppels, oder wie man das Ding nennt. Als ich starten wollte, stellte ich fest, dass mir nur Gas und Bremse zur Verfügung standen.

»Auch gut,» dachte ich, »also Automatik.» Aber was für eine? So eine hatte ich noch nie gesehen. Da ich das kleine Auto nicht gleich durch Eigenversuche zu Schrott fahren wollte, rief ich vorsichtshalber nochmals am Schalter an und bat um eine kurze Einweisung. Ein paar Minuten später kam ein freundlich lächelnder Herr zu mir und erklärte: „Das ist quasi eine Halbautomatik. Sie müssen, wenn Sie vorwärts fahren wollen, den Schalthebel auf vorwärts und wenn Sie rückwärts fahren möchten, nur den Schalthebel auf rückwärts schieben."

»Logisch», dachte ich, »warum habe ich das nicht selbst herausgefunden?»

„Der Wagen schaltet automatisch, je nachdem, wie viel Gas gegeben wird. Und wenn Sie parken, gehört der Hebel an diese Stelle.“

 »Aha, ist ganz einfach, idioteneinfach!» In seinen Kopf konnte ich ja nicht hineinschauen, aber ich bin mir sicher, dass er dachte: »Frauen und Technik, ha.» Da ich über männliche Gedankengänge erhaben war, bedankte ich mich höflich, lächelte ihn an und schloss die Tür.

Die ersten Testläufe verliefen Erfolg versprechend. Legte ich den Schalthebel auf rückwärts, fuhr das Auto tatsächlich rückwärts. Kurzer Stopp. Schalthebel auf vorwärts. Ohne zu Mucken ließ er sich schalten und zeigte, welche Power in ihm steckte. »Mann oh Mann"», urteilte ich, nachdem ich das Flughafengelände verlassen hatte, »das ist ja echt ein toller Flitzer! Ich werde keine Probleme mit Parklücken haben, keine Probleme beim Ausparken, einfach genial.» Fröhlich vor mich hin summend befuhr ich die Straßen. Der Flitzer schaltete eigenmächtig, je nachdem, wie viel Gas ich gab oder wie schnell ich fuhr.

Die Übergänge in den nächsten Gang gestalteten sich allerdings ziemlich rau, sodass ich mit jedem Schaltvorgang immer ein bisschen Richtung Frontscheibe katapultierte. Aber daran gewöhnte ich mich schnell.

Mein erster Weg führte uns zwei direkt zu einem größeren Supermarkt. Ich parkte, schloss die Tür ab und erledigte meine Einkäufe. Voll bepackt kam ich zurück, öffnete die Heckscheibe und stellte fest, dass der Kofferraum fast zu klein war. Also schloss ich die Beifahrertür auf und platzierte den Rest auf dem Sitz. Manchmal sage ich mir vor, was ich tun muss.

»Schlüssel ins Zündschloss, starten.» Aber er startete nicht. Steckte der Schlüssel etwa falsch herum? Ich wollte ihn rausziehen, aber er steckte fest. Nach etlichen Versuchen mit geballter Körperkraft hielt ich plötzlich die Plastikumrandung des Schlüssels in der Hand. Der Schlüssel dagegen bewegte sich nicht einen Millimeter. Die Idee, auf das Display zu schauen, hatte ich leider nicht. Mir kam der Gedanke, dass der Schlüssel vielleicht blockieren könnte, da eine der Türen nicht richtig verschlossen war. Irgendwie konnte ich mich in mein Baby hineinversetzen. Und siehe da, als ich Hecktür und Beifahrertür nochmals auf- und zumachte, freute sich mein Flitzer und gehorchte auf Befehl. 

Zunächst befestigte ich die Plastikumhüllung. Endlich konnte ich starten. Es war schon sehr bequem, Automatik zu fahren. Kein lästiges Kuppeln und Schalten, und mittlerweile hielt ich mich fester im Sitz, sodass das Katapultieren vergessen war. 

In null Komma nichts hatte ich mich an mein Baby gewöhnt und grinste den lachenden Menschen, an denen ich vorbeifuhr, freundlich zu. Denn sie lächelten alle. Später wurde mir klar, warum. Die Werbebeschriftung war wohl die Ursache: Pro Tag nur FÜNF Euro! Ich fuhr Reklame für die Autovermietung, fand es aber gar nicht toll, dass ich trotz Werbefahrten erheblich mehr gezahlt hatte. 

Da meine früheren Kolleginnen das Wägelchen noch nicht kannten, kündigte ich meinen Besuch an. Nebenbei fragte ich, ob sie Lust auf eine Probefahrt im Smart hätten. So ein kleines Auto hätten sie mir nie zugetraut, das war sonnenklar. Schließlich wussten sie aus meiner Beschäftigungszeit, dass ich große Autos bevorzuge. Vier Jahre Camaro, zehn Jahre Benz 350 SEL und 230, sowie zuletzt Audi 80. »Na», dachte ich, »die werden allesamt Augen machen!»

So war es dann auch. Sie erwarteten mich schon neugierig. Unter viel Gegröle und Gelächter machte ich mit sieben Damen nacheinander eine kleine Fahrt. Glauben Sie mir, das werden sie nie vergessen, denn ich sorgte für Spaß und Unterhaltung.

Die Nacht verbrachte ich bei meiner Freundin. Am kommenden Morgen bot ich ihr an, sie ein Stück des Weges mitzunehmen. Der kleine Wonneproppen parkte direkt vor ihrem Haus auf einer abschüssigen Straße, die natürlich, wie soll es anders sein, vollkommen zugeparkt war. Maximal 70 cm Abstand hatte ich zu den anderen Fahrzeugen. Aber das schreckte mich nicht ab. Ich war mir absolut sicher, alle Tücken des Autos zu beherrschen.

Zunächst lief alles glatt, Schlüssel ins Zündschloss, anlassen und tatsächlich, der Motor summte. Ich konnte es kaum glauben, keine Schwierigkeiten. Ich stellte den Schalthebel auf rückwärts, gab Gas, um ein Stück rückwärts zu fahren. Aber das Wägelchen verweigerte die Rückwärtsfahrt, stattdessen fuhr es vorwärts. Circa zwanzig Zentimeter hinter meinem Vordermann reagierte die Bremse. Nochmaliger Versuch, mehr Gas. Nichts! Er wollte vorwärts. Unglücklich stiegen wir wieder aus.

Was nun? Inzwischen beobachteten drei Herren mittleren Alters in dunklen Anzügen (sicher Banker auf dem Weg zu ihrer Bank) mit schwarzen Aktenmappen auf der anderen Straßenseite meine fehlgeschlagenen Versuche, darauf wartend, dass ich das Auto vor mir unsanft berühren würde. Erblickte ich in ihren Minen etwa Schadenfreude? Wetten, sie dachten, dass ich nicht fähig war, den Rückwärtsgang zu finden? »Ha, Männer, wie dumm halten sie eigentlich autofahrende Frauen?»

Ich schaute zu ihnen rüber. Einer war der Wortführer: „Ei ihr Mädchen, wisst ihr nicht, wo der Rückwärtsgang ist?“ 

„Klaro“, sagte ich, im ersten Moment ein bisschen beleidigt, dass er mich mit Mädchen betitelte. Immerhin war ich schon über 60. Dann siegte meine Eitelkeit, denn die Jahre sah man mir nicht an. Mit meinem besten Lächeln überquerte ich in meinen Stöckelschuhen die Straße und klärte sie auf, dass der Rückwärtsgang nicht funktionierte.

Wenn sie mir nicht glaubten, sollte doch einer so mutig sein und mein Baby ausparken. Männer besitzen doch mehr Feeling und Technik, verstehen sie im Schlaf. Einer setzte sich mutig ans Steuer und versuchte sein Glück. Aber auch er schaffte es nicht und war ebenso ratlos wie wir. Nach kurzer Diskussion setzten sie ihre Taschen ab und hoben mein Baby aus der Parklücke. Echte Gentlemen mit Muskelkraft! Dieser kleine Flitzer hatte es doch tatsächlich geschafft, einen Stau zu verursachen. Aber oh Wunder, kein heftiges Gehupe; eher Neugier. Dankend setzten wir uns ins Auto.

Ich ließ den Motor an, schob den Schalthebel auf vorwärts und schon fing mein Kleiner an zu fahren. Strahlend winkend setzten wir unsere Fahrt endlich fort. Bestimmt war der Smart Tagesgespräch bei diesen drei Herren, immer noch nicht glaubend, dass der Rückwärtsgang nicht funktionierte. Komisch war es schon, denn auf gerader Ebene fuhr mein Baby auch rückwärts. Es passierte mir noch einige Male, dass der Wagen nicht ansprang, weil eine Tür eine Blockade signalisierte, oder der Schalthebel nicht korrekt da stand, wo er beim Starten stehen sollte.

Aber mit der Zeit war alles eine leichte Übung und ich kannte die Tücken. Schließlich verstand ich mich mittlerweile auf das Lesen des Displays. 

Nach drei Tagen mussten mein kleiner Freund und ich bereits Abschied voneinander nehmen. Innen und außen blitzsauber wollte ich ihn am Flughafen zurückgeben. Da Autovermietungen am Flughafen in einem anderen Parkhaus ihre Autos stehen haben, ahnte ich schon auf dem Weg dorthin, dass ich damit Probleme haben würde. Komplizierter als gedacht stellte sich das Auffinden des Parkplatzes der Autovermietung dar.

Nachdem ich einige Runden erfolglos gedreht hatte, parkte ich den Wagen auf der Parkbox 121 im öffentlichen Parkhaus, lief zum Schalter der Autovermietung und wollte den Schlüssel abgeben. 

Ehrlich, wie ich bin, teilte ich mit, wo ich das Auto abgestellt hatte. Beide Damen schauten ungläubig, bestanden jedoch darauf, dass ich den Wagen auf den vorgesehenen Parkplatz fahren müsste. Sie erklärten mir umfangreich, wie ich fahren sollte.

Nach einiger Zeit unterbrach ich die wortführende Dame und sagte: „Hören Sie, ich werde keinen Schritt mehr zu diesem Auto machen. Ich hatte nur Ärger." Langsam genervt, erzählte ich meine Erlebnisse. „Blockade mit dem Schlüssel, rückwärtsfahren am Hang unmöglich, usw. Außerdem fuhr ich drei Tage Reklame für Sie, musste das Gelächter der Leute ertragen und noch dazu den vollen Preis bezahlen. Nein! Nein! Nein! Und wenn Sie mir noch eine Stunde lang erklären, wie ich auf den besagten Parkplatz komme, ich verstehe nur Bahnhof, denn wie Sie sehen, ich bin blond.“ Anschließend bedachte ich die Frauen mit meinem charmantesten Lächeln.

Vollkommen perplex starrten mich die Damen an. So etwas hatten sie noch nicht erlebt. Die Wortführerin gab auf und erklärte sich bereit, mit mir den Wagen an die richtige Stelle zu fahren. Innerlich frohlockte ich, denn ich wusste, wenn sie das Auto noch nie gefahren hatte, würde sie sich mit den gleichen Problemen rumschlagen müssen. Ich ließ sie erst einmal gewähren, denn der Kleine bockte mal wieder.

Schadenfreude ist doch die Schönste aller Freuden! Nach einer Weile gab ich ihr großzügig meine Kenntnisse preis und sie schaffte es, den Wagen an den vorgesehenen Platz zu fahren. Natürlich amüsierten wir uns köstlich über dessen Tücken. Sie gab mir Recht, der Smart sei ein gewöhnungsbedürftiges Auto. Wir verabschiedeten uns freundschaftlich wie Verschwörer. Ich weiß allerdings nicht, ob alle Smart mit diesen Tücken behaftet sind, oder ob ich ein Montagsauto erwischt hatte.

Trotz aller Überraschungen war ich erstaunt, wie schnell er sich in mein Herz geschlichen hatte. Nun ja, geholfen haben mir über 40 Jahre Fahrpraxis und mein technischer Verstand. Aber was machen Frauen, die keine Ahnung haben? Dass der Smart überwiegend für junge Leute gedacht ist, weiß ich wohl. Aber wie Sie sehen, auch ich, jenseits der Sechzig, fuhr ihn gern.

© Dorothee Sargon 

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